Ich hasse Rätsel...Eigentlich
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Ich bin weder herzschmerzfrei noch superglücklich, mein Leben lebt so leise vor sich hin. Eigentlich, kann man sich da nicht beschweren. Nur manchmal lebt es so leise, dass ich mich selbst nicht mehr und den Tod im Nacken spüre. Und da ich eigentlich Anti-Langweile bin, dass aber im Sumpf der Langweile gerne vergesse, um dort langsam zu versinken bis nur noch mein Kopf herausragt und die Angst vorm Tod oder sein stinkender Atem mich vor die Haustür jagt, beschließe ich wegzugehen. Nur für zwei, drei Tage, nicht länger, denn ich weiß, dass Langweile und Depression aufholen und ich eigentlich nicht vor mir weglaufen darf.Zögerlich mach ich die ersten Schritte und erst wenn ich sicher bin, dass ich noch laufen kann, beschleunige ich und dann renne ich, renne vorbei an den altbekannten Fassadenfratzen und mache erst beim Bahnhof halt. Das Ticket in der Hand, das Gepäck auf dem Rücken, den Tod nicht im Genick sondern zuhause auf dem Sofa, mein altes Leben in Stücken, gehe ich zum Zeitungskiosk, weil es dort meistens leise ist. Ich scanne jede Titelseite, durchblättere den Spiegel, das Rolling Stone, zugegeben auch mal die Intouch und weiß dann am Ende immer noch nicht was der Inhalt verspricht. Und weil ich schon ewig im Laden stehe, es mir langsam peinlich wird, der Blick des Verkäufers mich stört, entscheide ich mich in meiner Entscheidungsnot am Ende für ein Rätselheft.
Zurück auf das Gleis. Zurücktreten, bitte. Der Zug fährt gleich ein.
Ich beobachte wie andere Menschen leben, ihre Geliebten ein letztes Mal in den Armen und auf den Lippen spüren, und dann spüre ich Nadelstiche in mir und bin froh wenn der Zug dann endlich einfährt und ich mich setzen, Landschaften an mir vorbeiziehen und Gedanken schweifen lassen kann. Zwischen Herzen auf Tour laufen meine Gedanken auf Hochtouren und jetzt weiß ich was ein Runner’s High ist: Meine Gedanken machen was sie wollen, lassen mich dabei in Ruhe und in Ruhe die Landschaft genießen. Doch da ich mich oft in Züge flüchte und die hiesige Landschaft dann doch nicht so spannend ist, schalten meine Gedanken einen Gang und noch einen Gang niedriger ein, so dass nicht mehr allzu viel übrig bleibt. Das sieht dann ungefähr so aus:
Baum.....Baum...Baumbaumbaumbaum...Wald....Baum...Wiese...Nichts.
Zeit mein Rätselheft aufzuschlagen. Und noch während ich vorbei an Rezepten für Mousse au Chocolat und Abnehmtipps blättere, weiß ich, dass ich die leeren Kästchen nicht füllen werde, auch wenn die Zeit hier im Zug dann vielleicht sinnvoll genutzt wäre. Außerdem habe ich keinen Stift dabei. Ich beschließe Rätsel zu hassen, weil sie mich daran erinnern wie sterbenslangweilig mir ist. Solche Rätsel die schwarz auf weiß nur zum Zeitvertreib und Vergnügen dienen und dessen Lösung eindimensional ist. Dessen Lösung mir nicht weiterhilft und mir nichts über das Leben verrät. Das ist doch eh nur etwas für alte Leute, die alles erlebt, unzählige Reisen hinter sich und sich entschieden haben, nicht aus Langweile zu sterben, weil sie die meisten Rätsel des Lebens gelöst oder akzeptiert haben, und stattdessen die leeren Kästchen mit den richtigen Worten oder Zahlen füllen, weil sie sonst nichts mehr zum Rätseln haben. Oder für die Menschen die aufgegeben haben. Aber ich will nicht aufgeben, jetzt noch nicht, hallo, ich bin siebzehn, und schenke das Rätselheft der weißgelockten alten Dame schräg gegenüber, die mir dafür ein Lächeln schenkt. Und was mache ich jetzt?
Ich suche Blickkontakt, doch die meisten Augenpaare ruhen auf Displays, Bücherseiten oder auf der Landschaft draußen. Auch der Typ gegenüber schaut raus mit diesem leeren Blick, erinnert mich an mich, das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Und trotzdem schaue ich ihn länger an als gewollt, denn ich frage mich, was seine Geschichte ist, denn in dem Moment kann ich mir nicht vorstellen, wie ein so schöner Mann so unübersehbar unglücklich sein kann. Eigentlich will ich nicht, dass er merkt wie ich ihn beobachte, wie ich ihn beinahe anstarre, aber jetzt ist es schon zu spät, er reißt sich von der Gedankenlandschaft los, wendet seinen Kopf, schaut an mir vorbei und beginnt umständlich in seinem Rucksack zu kramen.
Überaus beschäftigt tun, genau das mache ich auch, wenn fremde Blicke auf mir ruhen, Fragen mich durchbohren, ich keine Antwort finde und in Ruhe gelassen werden will. Na, danke auch, denke ich, und im selben Moment, ja, ich versteh’ dich doch, doch schade, dass du mich nicht lächelnd zur Kenntnis nimmst. Ich hab’s kapiert, wende mich ab und er hört auf in seiner Tasche zu kramen und ich höre wie er ein Stück Papier glatt streicht. Jetzt sollte das Geräusch eines kratzenden Stiftes folgen. Doch da ist nichts. Ich warte noch kurz und schiele schüchtern aus meinen Haaren, blicke ihn an und er blickt nach unten auf sein Blatt Papier, starrt es an, seine Augen immer noch leer. Doch ich spüre wie seine Gedanken kreisen und die Kreise um die Worte immer kleiner werden und sie einschließen bis nur noch eine kleine Auswahl übrig bleibt. Er beginnt zu schreiben und ich ertappe mich wie ich gebannt seinen Handbewegungen folge, die weich und schnell die Worte niederschreiben.
Es ist wieder ruhig, er hat aufgehört zu schreiben und ich verstecke mich wieder hinter meinem zu langen Pony und schäme mich leise für meine Art mit lauten Blicken nach Aufmerksamkeit zu schreien. So kommt das sicher rüber, dabei finde ich ihn schlicht und einfach interessant und nichts weiter. Und er findet mich wahrscheinlich einfach uninteressant, weil ich mich so offensichtlich für ihn interessiere und er das vermutlich gewohnt ist, von kleinen Mädchen mit zu wenig Selbstbewusstsein. Ich steigere mich wieder in irgendwas rein, vergesse zu Atmen und schließe die Augen und atme langsam ein. Meine Fingerknöchel klopfen dreimal gegen meine Schläfe, vielleicht vertreibe ich so noch die Kopfschmerzen, denke „Lass das sein, lass das sein, lass das sein“. Wenn ich nicht eh wie ein Psycho aussehe, dann tue ich das spätestens jetzt.
Ich atme aus und öffne die Augen und sehe ein Stück Papier auf dem Tisch vor mir, auf dem Tisch zwischen dir und mir. Da steht geschrieben: „Steigen wir aus und trinken einen Kaffee, hier ist nicht der Ort zum Reden.“. Mehr verwirrt als verwundert schaue ich dich an und jetzt schaust du zurück. Wir blicken uns solange an bis aus dem Schmunzeln stummes Lachen wird und wir wieder, diesmal verlegen, unendlich beschäftigt tun. In diesem Augenblick ist der Typ verschwunden und stattdessen bist da Du.
Ich erinnere mich an diesen Tag, als ob es erst gestern war. Beim nächsten Halt sind wir ausgestiegen und ins nächstbeste Kaffee zwischen heruntergekommenen Fabrikgebäuden gegangen. Deine Worte haben die Leere in mir gefüllt und meine Worte waren seit langem nicht mehr losgelöst, sondern ein Teil von mir. Du hast mich durch die Straßen geführt, mich bei der Hand und meine Angst genommen. Über die scheinbare Selbstverständlichkeit unseres Zusammenfindens hab ich mich lange täglich gewundert und mich eines Tages damit abgefunden. Nie vorher habe ich mich mit etwas so gerne abgefunden. Und das heißt nicht, dass es mir jetzt langweilig wär, denn etwas zu akzeptieren heißt nicht die Antwort zu kennen und ich frage mich oft, ob die Antwort zu kennen überhaupt schöner wär.
Denn ich hasse zwar Rätsel auf Papier, doch ich liebe das rätseln mit dir, das Rätsel in dir, das Rätsel zwischen dir und mir. Ich finde es rätselhaft, dass du mir aufmerksam zuhörst und mich nicht auslachst, auch wenn ich manchmal komische oder völlig belanglose Dinge sag. Ich finde es rätselhaft, dass du mich damals einfach bei der Hand genommen hast und obwohl wir uns fremd, es sich so gut angefühlt hat. Ich finde es rätselhaft, dass ich neben dir aufwache, du neben mir aufwachst und mir sagst wie schön ich sei und ich dir das, weil es du bist, sogar glaube. Ich finde es rätselhaft, dass du noch hier bist, auch wenn ich unheimlich kalt und anstrengend sein kann. Ich finde keine Antworten und dennoch liebe ich das. Dass du hier bei mir bist. Dass du mich nicht im Stich lässt. Doch vor allem liebe ich, dass ich nicht mehr alleine Zug fahren muss.
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