Montag, 1. September 2014

Bilder


Ich hatte immer die Vorstellung im Kopf, wie ich aus dem Zug steige. Freudig vor mich hin grinsend schon vor der Zugtür stehe und kaum erwarten kann, den kleinen grünen Knopf zu drücken, damit sie sich öffnet. Und wie lange es mir vorkommen würde, bis dieses kleine Trittbrett ausgefahren ist.
Ich würde wohl alle anderen Menschen vor lassen und dann schnell zur Treppe laufen. In drei, vier schnellen Schritten hätte ich sie passiert und wäre in der großen Ankunftshalle. Würde am Blumengeschäft vorbeilaufen und denken, eines Tages stehst du mit einem Rosenstrauß vor mir. Vielleicht wenn wir uns nach langen Wochen wiedersehen würden. Oder einfach mal so, als Überraschung.
Ich würde durch die große Tür gehen und die letzten Stufen im Zickzack nehmen. Oben angekommen, würde die kühle Nachtluft mir ins Gesicht schlagen. Ich würde einatmen und mich an den vielen Lichtern der Stadt erfreuen. Und daran, dass du in ihr wohnst. Ein paar Erinnerungen würden aufkommen. An unser erstes Date, als wir mit Weingläsern in der Hand auf der Parkbank da hinten saßen und du dem jungen Mann gut zusprachst. Da hatte ich dich das erste Mal so richtig gesehen. Mit allem. Mit den Augen, deine blonden Wimpern und die Bartstoppeln, die sich unregelmäßig über deine Wange ziehen. Mit den Ohren, deinen Brandenburger Akzent, von dem du sagtest, vielen würde darin Matthias Schweighöfer hören. Mit den Fingern, deine warme Hand, die meine ganz fest hielt, als wir durch die Nacht liefen. Mit dem Herzen, den warmherzigen Mann, der sich Sorgen macht, ich könnte frieren und mir seine dicke Jacke anzieht. Der, der andere mit seinem Charme in eine stundenlange Diskussion fesseln kann, so das man die Zeit vergisst.
Und geschmeckt hast du nach Weißwein und ein bisschen nach Rauch. Und dein Duft. Dein einzigartiger Duft, nach Geborgenheit und Abenteuer.
Mit all diesen Dingen im Kopf, würde ich die Nachtluft einatmen und einen Moment stehen bleiben. Diese Stadt, die mir so viele Momente schon geschenkt hat.
Aber dir Vorfreude wäre groß, so groß, dass ich weiterlaufen müsste. Weg von den Treppen, eine 180° Drehung und über den gesamten Platz, der wieder voller Menschen wäre, die sich ins Nachtleben stürzen. Aber ich würde an ihnen vorbeigehen, bis hinter, an die kleine Mauer. Wahrscheinlich würde ich dich bereits erkennen. Im Laternenlicht, wie deine Augen die Dunkelheit absuchen. In der einen Hand deine Tasche, die dir diesen Businesslook verleiht, dazu dein dunkler Mantel und dein Schal, der so nach Weihnachten riecht.
Deine blonden Haare würde im Licht leuchten, sie wären ein bisschen zu lang, weil du es wieder nicht geschafft hättest zum Friseur zu gehen. Vielleicht würdest du darüber leise fluchen, wenn ich dich damit necken würde. Wie damals, als ich dir schrieb, dass einzige Problem, was an meinem freien Unitag besteht, die Entscheidung zwischen Kaffee und Tee ist. Du der Kaffeetrinker schlechthin. Ich würde deine Hand schnappen, schwungvoll Hin-und Herschwingen und dabei lachend sagen: "Na zum Glück haben wir dann gleich Wochenende!". Und deine müden Augen, nach dem langen Arbeitstag, würden aufleuchten. So hell und fokussiert, dass ich mir den Moment fest verpacke, wie ein Geschenk. Eines um das man schleicht, wenn es unausgepackt im Regal steht. Deine immer warme Hand würde meine suchen, deine Lippen meine finden. Und wir würden nach Hause gehen. Vor der Tür würdest du deine Taschen durchsuchen, "Wo ist nur dieser verdammte Schlüssel?!". Bis deine Augen diesen Ich-weiß-es-genau-Blick annehmen und mich herausfordern. Mit den Händen hinterm Rücken würdest mich gegen die Haustür drücken und versuchen ihn gespielt mit aller Kraft wiederzubekommen, würdest lachen, über meine kläglichen Versuche. "Der Schlüssel ist gar nicht da..." würde ich in dein Ohr flüstern und du antworten: "Wer sagt, dass ich zu dem Schlüssel will?" und mir dabei deine Hände unter die Jacke schieben. Wir bleiben so stehen, weil es so keine Zentimenter zwischen uns gibt. Keine Zeit, keinen Ort, keinen Menschen. Nur wir und dieser Moment, wie wir ihn schon erlebt haben. Den ich mir eingepackt habe in die kleine Schatztruhe namens Herz. Drei Schleifen herum und festverschlossen.

Heute steige ich aus dem Zug und schaue jedem ins Gesicht, doch es ist nicht mehr deins, was auf mich wartet. Zwischen uns sind keine Zentimeter, sondern Monate.

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